7. Dezember 2009

Hauptsache gesund...

Ich schleppe mich schon seit einigen Tagen mit einer Erkältung herum. Wer weiß ob es dem unangenehmen Novemberwetter oder der Grippeschutzimpfung zuzuschreiben ist. Nervig ist es allemal.

Mein Kind ist auch nicht so ganz auf der Höhe. Mal hat sie einen Tag Durchfall, den nächsten Tag ist sie quengelig und gestern Abend hat sie sich erbrochen - nur Fieber, das Alarmsignal schlechthin, hat sie nicht. Also kein Grund zur Panik. Abwarten und Tee trinken.

Da mach ich mir Gedanken über solch kleine, belanglose Kränkeleien. Dabei ist das Enkelkind eines sehr guten Bekannten vorgestern für immer eingeschlafen. Die kleine Maus war mit 360 Gramm (vergleicht das mal mit einem Stück Butter und etwas mehr...) das bisher kleinste Baby, das in der Berliner Charité zur Welt kam. Eher kein Grund zum gratulieren als zum ganz festen Daumen drücken für die bevorstehenden Wochen und Monate im Brutkasten. Aber in solchen Momenten neige ich eher zum Zweckoptimismus getreu dem Motto "das wird schon werden". Ist es leider nicht - nach nur 2 Tagen auf dieser Welt ist die Kleine in den Armen ihrer Eltern friedlich eingeschlafen.
Bei dem Gedanken an eine solche Situation jagt es mir als Mutter nicht nur einen eisigen Schauer den Rücken hinunter, sondern mein ganzer Körper und mein Herz verkrampfen sich. Wie muss sich das anfühlen? Schon seit langer Zeit zu wissen, dass das Baby in deinem Bauch nicht richtig versorgt werden kann? Dass die Ärzte nur die Wochen zählen, bis eine theoretische Überlebenschance besteht? Diese Sorge muss unerträglich sein. Diesen kleinen Menschen so schnell wieder gehen lassen zu müssen...ich kann es mir nicht vorstellen.

In diesem Fall gilt, ganz neutral und realistisch betrachtet, bestimmt der gleiche Grundsatz wie für Fehlgeburten: Die Natur hat sozusagen eine Reißleine eingebaut. Ein neues Leben, dass aus welchen Gründen auch immer in den ersten Wochen der Schwangerschaft aufhört sich zu entwickeln oder nach wenigen Tagen zu den Sternenkindern wechselt...vielleicht ist diesen Kindern schlimmeres erspart geblieben? Wer weiß wie das minikleine-360-Gramm-Baby die nächsten Wochen erlebt hätte - an all den Apparaten. Wer weiß ob sich sein Herzchen und seine Lungen normal entwickelt hätten.
Ich glaube ganz fest, dass diese Kinderseelen auf ihre Eltern herabsehen und ihnen helfen können, den Verlust zu verkraften um eines Tages wieder riechen, schmecken, hören, sehen und, vor allem, fühlen zu können. In solchen Momenten bekommt der Ausspruch "Na Hauptsache es ist gesund" eine ganz neue, essentielle Bedeutung. Man nimmt es so schnell (zu schnell?) als selbstverständlich hin, dass sein Kind alle Finger, alle Zehen, eine gerade Hüfte, einen geschlossenen Rücken, funktionierende Organe und die normale Anzahl an Chromosomen besitzt.

Was, wenn es eins mehr hätte? Was, wenn man ein Sonnenscheinkind bekommt? Eines, dass das Leben der Eltern genauso begeistern und bereichern kann, aber äußerlich betrachtet eben doch mongolid erscheint? Wer vermag zu entscheiden was lebenswert ist und was nicht? Aus diesen Gründen stehe ich Frühdiagnostik recht skeptisch gegenüber. Zum einen aufgrund des oben bereits erwähnten Zweckoptimismus' und zum anderen, weil ich mir nie zugetraut hätte aufgrund einer Wahrscheinlichkeit die Entscheidung über ein ungeborenes Leben zu treffen. Würde die Angst mich nicht lähmen? Schon der Gedanke an ein völlig gesundes Kind und der Stress und die Veränderung, die so ein Baby mit sich bringen sind beängstigend. Was, wenn man nun gefragt wird, ob man sich das Leben mit einem behinderten Kind vorstellen kann? Viele (ich möchte beinah sagen alle...) würden sicher denken: "Nein, das trau ich mir nicht zu". Aber ich kenne behinderte Menschen, die leben ein durchaus schönes Leben. Sie sehen die Welt mit ihren ganz eigenen Augen, vielleicht auch ein wenig kindlicher. Aber ist das schlechter???

Letztlich habe ich mich bei meiner Schwangerschaft gegen Frühdiagnostik entschieden, um eben gerade nicht mit solchen Fragen konfrontiert werden zu müssen. Gesagt habe ich dann folgendes: "Mit der Entscheidung schwanger werden zu wollen haben wir eine Seele zu uns eingeladen. Kommen und bleiben muss sie selbst. Doch wie kann ich sie, wenn sie schon bei mir ist, aufgrund einer Wahrscheinlichkeit plötzlich wieder ausladen?"

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