5. Dezember 2009

Von Amseln und Zucker

Warum ist draußen Novemberwetter, wo es doch Advent ist und man eigentlich Schnee oder zumindest Kälte erwartet?
Einerseits ist dieses matschige Wetter manchmal besser als sein Ruf- es animiert zum Tee trinken, quatschen und kuscheln. Aber andererseits ist es zum Kinderwagen schieben äußerst unattraktiv.

Nachdem ich heute mit den ladies im Amselmann essen war (Gespräche über Edward inklusive, wobei der Name von den Männern quasi tabuisiert wird) und einen fantastischen Salat mit Ziegenkäse, Birnen und Honig-Senf-Dressing und als Dessert ein noch fantastischeres Crème Brulée hatte (obwohl der Rest meinte, es hätte schon bessere Crème Brulée Tage gegeben...), fiel mir wieder ein, dass ich das Fleisch im Kühlschrank noch zu Babybrei verarbeiten wollte.

Da mein Mann heute beruflich bei einem Weihnachtskonzert ist (kalte Schlosskirche...KALT...ich habe beschlossen, daheim zu bleiben), wurde der Vorsatz sogleich in die Tat umgesetzt. Mein tolles Babykochbuch aufgeschlagen und gleich 3 Rezepte gekocht. Da wollen wir doch mal sehen was mein kleines Lieblingskind morgen davon hält. Es ist aber immer wieder erstaunlich, wie gerne sie den selbstgekochten Brei isst -egal ob langweiliger Pastinaken-Kartoffel-Brei oder fruchtiger Fenchel-Möhre-Mango-Kartoffel-Birnensaft-Brei -Gläschenkost aber nach 5 oder 6 Löffeln vehement ablehnt. Eigentlich ist das ja schön- meinem Plan (siehe to do), meiner Tochter ein gesundes Essverhalten beizubringen, werden dadurch ja erste Grundsteine gesetzt. Ich finde nicht nur, dass das Vorkochen kein großer Arbeitsaufwand ist, ich habe mir mal geschworen, dass mein Baby nur Sachen essen muss (oder sie probieren sollte), wenn ich das auch tue. Und manche Gläschen sind einfach grausig. Die schmecken, wie sie aussehen- grau. Aber auch die ganz guten und teuren...auch die mag sie nicht. Obwohl ich die....okay finde. Und uneigentlich? Ist es auch ein bißchen stressiger. Wegfahren wird damit immer zum Planungsmarathon. Gibt es dort Kühlmöglichkeiten? Wie lange bleiben wir? Kann ich da zur Not selber kochen? Gibt es alles Nötige? Was müssen wir mitnehmen? Manchmal ganz schön nervig!
Ein Vorteil (neben dem bessern Geschmack und der Gewissheit, was da drin steckt) ist, dass wir so beinah gezwungen sind, feste Essenszeiten einzuhalten und diese Mahlzeit dann auch am Tisch einzunehmen. Sie soll merken, dass es nicht nur um Nährstoffzufuhr geht, sondern um mehr. Um das Gemeinsame. Um die Konzentration auf das Essen, ganz ungestört und nicht nebenbei aus dem Gläschen schnell in die kleine Schnute gestopft. Wie oft erwische ich MICH dabei? Für mein Kind nehm ich mich alle Zeit der Welt- und Mutti? Hält schnell an, holt sich ein (zwar frisches, aber trotzdem!) belegtes Brötchen und einen Coffee to go und schon wird fix beim Auto fahren gegessen. Was habe ich vor 3 Zeilen erst gelobt??? Das bewusste Essen. Ich find es schön, dass man durch Kinder mehr dazu angehalten wird, sich mit ihnen und der Ernährung auseinander zu setzen. So kocht man vielleicht zum ersten Mal einen Pastinakenbrei und fragt sich- Warum habe ich nicht schon eher dieses lustige Wurzelgemüse probiert? Oder man registriert seit langem mal wieder, wie gut und süß selbst gemachtes Apfelmus schmeckt.
Mir ist schon klar, dass niemand seine Essgewohnheiten komplett und grundlegend ändert, sondern nach einer vorsichtigen Gewöhnungsphase seinem Kind alles gibt, was man selbst isst und vor allem in der selben Umgebung. So sieht man kleine Kinder, die im Buggy nur ruhig sind, wenn sie ein Brötchen oder eine Brezl zum Knabbern haben. Dabei haben sie sicher keinen Hunger - nur lange Weile. Oder Babies, die "schon" Würstchen, Kekse ("sind aber extra für Babies") oder überzuckerte Fruchtzwerge naschen dürfen. Zähne putzen ist bei vielen dieser Kinder allerdings nicht drin- "Da schreit meiner immer wie am Spieß". Mh. Was ist die Alternative?
Wie oft wird man angesprochen oder belächelt ("Das ist ihr erstes Kind, da macht man sowas noch..."), wenn man verkündet, dass sein (fast-) 9monatiges Baby noch keine Schokolade oder generell Süßes gegessen hat. "Sowas enthälst du ihr vor???", sagen die erstaunten Augen dann. Genau da liegt die Crux. Ich enthalte meinem Kind nichts vor- sie kennt den industriell hochgeschraubten Zuckergrad und Süßelevel eben nicht. Sie vermisst ihn nicht, denn momentan (und wie schön muss das sein!) ist für sie eine Banane oder selbst eine Kartoffel ganz, ganz süß. Sie mag gesalzene Sachen nicht- Zum einen sind sie schlecht für die Nieren, die so viel Schadstoffe noch nicht filtern können, zum anderen schmeckt sie noch die einzelnen Zutaten. Nur, weil ein Kind schon etwas essen "kann" heißt es nicht automatisch, dass es das essen "muss"! Oft werden einfach die schlechten und unvernünftigen Ernährungsweisen der Eltern auf Kinder übertragen. Wohin das später führt, sehen wir tagtäglich. "Zu dicke Kinder!", schreit es aus allen Medien. Die gleichen Medien, die aber Produkte bewerben, die genau dazu führen. Ist das nicht irgendwie krank?
Als junge Mama hab ich mir natürlich so ziemlich jeden Newsletter besorgt und bin beinah jedem Club beigetreten, den es gibt. Da bekommt man dann regelmäßig Post und Produktproben. Kundenbindung durch product placement, ganz clever eigentlich. Der Witz ist nur, dass diesen Produktproben meist ein Heft oder Infobrief beiliegt. Da wird dann (sinngemäß) beschrieben, was laut Ernährungswissenschaft gut für das Kind ist. Oft sind die Sachen auch richtig. Aber dann? Werden Produkte mit den entgegengesetzen Charakteristika beworben! Zum Beispiel heißt es: "Stillen ist das Beste für ihr Kind. Aber Folgemilch 1 ab der Geburt und Stufe 2 ab 6 Monaten sind so verträglich und länger sättigend..." Welche übernächtigte Mutter hat da nicht mal kurz den Gedanken das Handtuch zu schmeißen? Nicht nur, dass die Vorstellung an eine lange, stille Nacht (ohhh jaaaaaaaaaaa!) zu verlockend ist (wir SIND ja leider nun mal keine Vampire und brauchen daher unseren Schlaf um Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln), man hat auch immer ein bißchen das Gefühl man tut nicht alles, damit es seinem Kind gut geht.
Ein nächstes Beispiel. In den Abendmilchbrei gehören wirklich nur Milch, Getreide und evtl. ein bißchen Saft (ungezuckerter Direktsaft) oder Obstmus. Und welche Produktprobe liegt bei? Ein Fertigpulver, dem man nur Wasser zusetzen muss, dass dann nach Vanille-Banane schmeckt. Ich versteh das nicht. Inhaltslisten solcher Produkte sind endlos lang und voller "E"s und Zuckerarten (-dextrine)...Schon gemein, dass wir Erwachsenen oft genug sowas essen!
Noch ein Beispiel, dann hab ich meinem Ärger genug Luft gemacht. Meine liebe Schwiegermama wollte in den ersten Monaten, als unser Kind noch Koliken hatte, Fencheltee besorgen. Sie erkundigte sich sogar bei der Verkäuferin und wollte einen Tee, der ohne Zusatzstoffe und möglichst "Bio" war. Was landete in ihrem Korb nach der Empfehlung? Ein Instanttee (ab Woche 1!!!) mit Fenchelgeschmack, bei dem man die Inhaltsstoffe wirklich suchen musste, selbst ich hatte meine Mühe. Geschaut hab ich auch nur, weil groß drauf prangte: ohne künstlichen Zuckerzusatz. Dass Maltodextrine drin waren, also auch eine zugesetzte Zuckerart, wurde dabei unter den Tisch gekehrt.
Ich bin einfach jedes Mal so verärgert. Mein Mann versucht mir dann immer wieder mit engelsgleicher Geduld das marktwirtschaftliche Gebot von Angebot und Nachfrage zu erklären- wenn es niemand kaufen würde und kein Bedarf dafür wäre, gäbe es solche Produkte nicht. Damit geb ich mich dann aber nie zufrieden, denn die Werbung suggeriert ja jeder Mutter, dass diese Dinge notwendig sind und macht es ihnen unnötig schwer, gesunde Dinge zu kaufen. Sicher liegt es in der Hand des Einzelnen- aber warum gibt es gerade in der Babyernährung ein so großes Angebot an ungesunden Sachen? Ich merke schon, ich dreh mich im Kreis. Ich hoffe der geneigte Leser hat bis zum Schluss durchgehalten...

Ich für meinen Teil geh jetzt Plätzchen backen, denn die gehören (wie bereits erwähnt) zur Adventszeit wie der Baum zum heiligen Abend. Vielleicht lass ich mich nächstes Jahr erweichen, dass mein Kind (dann ja schon Krippenkind) auch Plätzchen essen darf ;-)

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